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Musicalensemble Nürtingen
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Roulette!

Geld – Gier – Glück: Über die neueste Musicalproduktion der Nürtinger Musik- und Jugendkunstschule

In den Räumen der Musik- und Jugendkunstschule kam man sich schon des Öfteren vor, als sei man im falschen Film, wenn plötzlich fiktive Charaktere zum Leben erwachten. In letzter Zeit jedoch hat man hier eher den Eindruck, in der Gesellschaftsschicht der oberen Zehntausend gelandet zu sein…

Ältere, elegant gekleidete Damen und Herren sitzen an Spieltischen oder schreiten hochnäsig durch den Saal. Sie mustern sich gegenseitig abschätzig, flüstern unter vorgehaltener Hand, genehmigen sich einen Drink an der Bar und verspielen lautstark ihr Geld. Im Hintergrund erklingt Jazz, gespielt von einer Live-Band; ein Ehepaar streitet sich. Es ist die Welt der Schönen, der Reichen und der ganz schön Reichen, die sich hier wohlzufühlen scheint. Der Croupier am Roulettetisch ruft: "Rien ne va plus! (Nichts geht mehr!)", die Kugel rollt. Reiche Damen gewinnen und werden noch reicher, ein Spielsüchtiger verliert nahezu alles. Doch man amüsiert sich und spielt weiter als sei nichts gewesen.

Dann plötzlich wird die Musik lauter und alle Casinobesucher beginnen zu singen: "Baden-Baden! Baden-Baden!" Die Musik bricht ab…

Dies sind keine wirklichen Eindrücke aus dem Casino in Baden-Baden. Es ist Freitagabend im Theaterraum der Jugendkunstschule Nürtingen. Hier wird das Musical "Roulette" einstudiert, das im Februar 2014 zur Aufführung kam. Es ist eines der ersten Male, dass die drei Komponenten Chor/Gesang, Tanz und Schauspiel gemeinsam geprobt werden. Vor noch improvisierter Kulisse haben bis eben etwa vierzig Jugendliche gesungen, getanzt und gespielt. Jetzt gleicht die Gruppe eher einem mittleren Bienenschwarm: hier wird geredet, da gelacht, dort hinten vor sich hin gesummt. Schauspielleiterin Birgit Hein schlägt auf ihre Klingel. "Ruhe jetzt!" Dann erklärt sie mit viel Enthusiasmus und vor allem großen Gesten, dass "unbedingt" noch mit mehr Ausdruck gespielt werden muss. "Noch mal von vorne bitte. Und denkt daran, ihr habt so viel Geld, dass ihr es buchstäblich auf der Straße verteilen könntet!" Die Musik startet von neuem.

"Wenn die Aufführung im Februar stattfindet, müssen die Chor- und Theaterproben schon vor den Sommerferien beginnen", sagt Karin Maier, Chorleiterin und Gesangslehrerin. Donnerstagabends wird die Chorliteratur eingeübt, zeitgleich dazu finden jede Woche die Theater- und Tanzproben in den Räumen der Jugendkunstschule statt. Jetzt, nach ungefähr vier Monaten Probenzeit sitzen alle Stücke "ganz gut", es muss nur noch an einzelnen Passagen gefeilt werden.

"So ein Musical ist ein riesiger organisatorischer Aufwand", sagt Birgit Hein. Sie und Karin Maier beginnen schon bis zu zwei Jahre vor der eigentlichen Aufführung damit, ein neues Stück auszusuchen, im Prinzip direkt nach Abschluss des vorherigen Projektes. Das ist gar nicht so leicht, wenn man folgende Kriterien beachtet: Die erste zu nehmende Hürde ist die Freigabe des Stückes. "Wir wollen seit Jahren Grease spielen", äußert Karin Maier, "aber wir bekommen einfach die Lizenz nicht". Zusätzlich muss es ein Stück sein, bei dem gut vierzig Akteure mitwirken können. Auch sollte es nicht außer einer Hauptrolle nur Statisten geben. Und natürlich spielt der musikalische Aspekt eine große Rolle: Sind die Lieder überhaupt machbar? Gibt es ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Chor und Soli? Bei den ersten Lesungen der (meist mehreren) ausgewählten Skripts muss zudem auf die Länge der Stücke geachtet werden, außerdem auf die Story, vor allem auch auf das Sprachniveau. Oft sind vor allem die Übersetzungen sehr schlecht.

Nachdem die Stückauswahl getroffen ist, werden die Rollen besetzt. "Das nimmt schon mal einen ganzen Tag in Anspruch", sagt Karin Maier und lacht. Auch hier müssen nicht wenige Dinge berücksichtigt werden: Wer ist gesanglich so weit, dass er / sie eine Hauptrolle übernehmen kann? Wer kann Paar-Rollen übernehmen, wer passt zusammen? Wer kann eine solche Rolle überhaupt spielen? Auch nicht zu verachten: wer ist an der Reihe, eine Hauptrolle zu übernehmen? "Wir dürfen hier unsere pädagogische Aufgabe als Lehrer nicht vernachlässigen, jeden Schüler ein Stück weiterzubringen".

Denn natürlich verfolgt das Musicalensemble als Teil der Musik- und Jugendkunstschule das Ziel, gut ausgebildete Sänger/innen und Schauspieler/innen hervorzubringen, teilweise soll es auch studienvorbereitend sein. "Man lernt unglaublich viel, auch über das Singen und Schauspielern hinaus", sagt Darsteller Luka Kettering dazu. "Man wird selbstbewusster, mutiger und kreativer. Der Chor gibt einem so viel fürs Leben mit". Sabrina Köble ergänzt: "Ich bin sehr froh und stolz darüber, ein Teil dieser Gruppe zu sein". Die meisten der etwa 12 bis 25-jährigen Mitglieder der Musicalgruppe sind Schüler, aber auch "Ältere", Studenten oder Berufstätige, die schon früher Teil des Ensembles waren haben, sind noch dabei.

Ob die Arbeit mit jugendlichen Laienschauspielern anders ist? "Auf jeden Fall", meint Birgit Hein, die Theaterpädagogin ist und auch mit Erwachsenen arbeitet. "Einerseits können Jugendliche beim Schauspiel nicht auf einen so großen Erfahrungsschatz zurückgreifen wie Erwachsene. Andererseits aber können die jüngeren Darsteller oft flexibler reagieren. "Wir sind immer wieder erstaunt, wie selbstverständlich unsere Darsteller vor allem auch intimere Szenen, wie sie zum Beispiel in unserem letzten Stück "Frühlings-Erwachen" vermehrt vorkamen, spielen". Das könne man eigentlich nicht erwarten. "Insgesamt ist das Schauspiel von Jugendlichen irgendwie frischer, sie kommen vielleicht schneller aus sich heraus". Karin Maier sagt ergänzend: "Wir haben bisher immer versucht, Stücke zu finden, in denen die Jugendlichen nicht wesentlich ältere Personen spielen mussten. Erstmals im jetzigen Stück spielen alle Darsteller ältere Leute".

Spaß macht es den Ensemblemitgliedern deshalb nicht weniger. Während der Proben ist es laut, es wird viel gelacht. "Wir verstehen uns super. Jeder ist für jeden da, auch wenn man mal Probleme oder Sorgen hat. Jeder gibt sein Bestes und kann zeigen, was er kann. Und unsere drei Leiterinnen kitzeln jedes noch so kleine Bisschen aus uns heraus", bemerkt Sabrina Köble.

Gerade geht Maren Hildebrandt, die für den Tanz zuständig ist, noch einmal die Choreografie der nächsten "großen" Szene mit allen durch. "Die Hände müssen nach außen gedreht werden, und denkt an den Knicks vorne! Das hatten wir doch schon beim letzten Mal!". Wieder füllt sich der Raum mit Musik, gleich darauf beginnen alle, die einstudierte Choreografie zu tanzen.

Vor allem Szenen wie diese, in denen alle Darsteller auf der Bühne stehen, seien sehr anstrengend zu proben, hört man von allen Seiten. Maren Hildebrand sagt dazu: "Natürlich erfordert die Probenzeit viel Engagement. Aber es macht große Freude, zu erleben, wie das Musical und damit auch die Darsteller wachsen".

"Eigentlich hat auch unsere Probenphase einen dramaturgischen Aufbau, nicht nur das Stück selbst", sagt Birgit Hein. Die Häufigkeit und Intensität der Proben nimmt stetig zu, der Höhepunkt ist die Premiere.

Die "heiße Phase" beginnt dieses Mal Ende Januar, wenn alle zur gemeinsamen Chorfreizeit auf Schloss Kapfenburg in Lauchheim fahren. "Das ist immer eine sehr schöne und auch intensive Zeit. Irgendwie ist das für uns immer der Startschuss zum Endspurt", meint Karin Maier. Birgit Hein erklärt: "Danach darf man nicht mehr einbrechen, wir müssen das "hohe Level" halten". Das sei auch gleichzeitig der anstrengendste Teil auf der Reise bis zur Premiere.

Auf der Freizeit wird das Stück dann erstmals komplett zusammengesetzt. Wurde bisher immer mit Playback geprobt, kommt hier auch noch die Band unter Leitung von Peter Schönfeld dazu, die zuvor ihre Musikstücke weitestgehend ohne Chor oder Solisten geprobt hat.

Danach dauert es dann gar nicht mehr so lange, bis das Werk der Öffentlichkeit präsentiert wird. "Auch das ist wichtig", gibt Karin Maier zu Bedenken, "dass die Zeit nach der Chorfreizeit nicht zu lange ist. Sonst geht bei uns allen die Spannung verloren und es ist sehr schwierig, sie wieder zu bekommen".

Am Ende folgt dann endlich das, worauf alle seit Monaten hingearbeitet haben: die Premiere. "Beim Auftritt ist die ganze Anstrengung vergessen. Man ist stolz und voller Freude endlich zu spielen, zu singen und zu tanzen. Alles andere ist egal", sagt Pia Streicher. Und Michael Zaiser ergänzt: "Jedes mal aufs neue gibt jeder 150% für eine einmalige Bühnenshow!".

 - Autor: Tamara Berger

 

Auf Mitte September verschoben.